{"id":788,"date":"2015-07-11T02:53:57","date_gmt":"2015-07-11T02:53:57","guid":{"rendered":"http:\/\/foerderkreis-arco-iris.de\/?p=788"},"modified":"2017-08-14T11:54:41","modified_gmt":"2017-08-14T11:54:41","slug":"die-zeit-rennt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/foerderkreis-arco-iris.de\/index.php\/die-zeit-rennt\/","title":{"rendered":"Die Zeit rennt!"},"content":{"rendered":"<p>Meine Zeit hier in Bolivien neigt sich so langsam dem Ende zu und auch das letzte halbe Jahr ging nun auch noch wie im Fluge vorbei.<br \/>\nLeider habe ich es wegen fehlender Zeit nicht fr\u00fcher geschafft, euch einen weiteren Eintrag zu schreiben, weshalb ich euch nun ein kleines Update von den letzten 6 Monaten hier in La Paz geben werde.<!--more--><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst stand im Januar erst einmal das Zwischenseminar f\u00fcr alle deutschen Weltw\u00e4rts-Freiwilligen in S\u00fcdamerika an. Aufgeteilt in 2 Gruppen flogen jeweils 9-10 Arco Iris &#8211; Volont\u00e4re nach Santa Cruz, eine bolivianische Gro\u00dfstadt im wesentlich reicheren und w\u00e4rmeren Tiefland. Zusammen mit weiteren in Bolivien bzw. Peru stationierten deutschen Weltw\u00e4rts-Freiwilligen und zwei extra aus Deutschland eingeflogenen Seminarleitern verbrachten wir somit eine Woche im gegenseitigen Austausch und Reflektion unseres bisherigen Freiwilligendienstes. So sch\u00f6n das auch war, so habe ich mich doch wieder sehr gefreut nach ca. 1.5 Wochen wieder in mein altvertrautes, kaltes La Paz zur\u00fcckzukommen.<\/p>\n<p>Gleich am n\u00e4chsten Tag ging die Arbeit auch wieder los. Da die Ferien nun vorbei waren, arbeiteten wir nun wieder in unseren &#8222;alten&#8220; Projekten, was bedeutete, dass ich wieder mit meinen Ex-Beneficiari@s zu arbeiten began. Nach all den Wochen des Nicht-Sehens war es sehr sch\u00f6n wieder zur\u00fcckzukommen und in all die liebgewonnen, vertrauten Gesichter zu schauen.<\/p>\n<p>Da meine alte Chefin nach 4 Jahren in ein anderes Projekt versetzt wurde, startete ich mit einer neuen Chefin in das neue Jahr. (Auch wenn sie es wohl niemals lesen wird, an dieser Stelle ein herzliches Dankesch\u00f6n an meine liebe Lola, eine wirklich tolle Chefin, Freundin und eine noch viel tollere Sozialarbeiterin!) Der neue Projektstart war etwas holpig. Da mein Team jetzt komplett neu war (Sozialarbeiterin und Psychologin) und ich somit diejenige, die die Projektrealit\u00e4t am l\u00e4ngsten kannte, musste sich ein normaler Alltag erstmal einstellen und man sich gegenseitig aneinander gew\u00f6hnen. Soweit kam es allerdings nie richtig, denn nach bereits 3 Wochen wurde meine neue Chefin Cinthya in ein von der Fundacion neu er\u00f6ffnetes Projekt versetzt. Das neue Projekt, welches sich &#8222;Peleferica&#8220; nennt und in der gleichnamigen Zone liegt, ist ein gro\u00dfes Haus, welches einen Kindergarten, eine Hausaufgabenbetreuung, ein Jugendtreff, zwei Arztpraxen und einen kosteng\u00fcnstigen warmen Mittagstisch enth\u00e4lt.<\/p>\n<p>Deshalb stand ich nach dem pl\u00f6tzlichen Wechsel dann erst einmal alleine da. Meine Mitarbeiterin (Psychologin Maria), die normalerweise h\u00e4tte auch in das neue Projekt &#8222;Peleferica&#8220; wechseln sollen, weigerte sich und somit blieben doch wenigstens noch wir zwei \u00fcbrig (Kaum vorstellbar wie ich alleine h\u00e4tte ein Projekt leiten sollen). An sich war das ganze ja auch nicht so schlimm, schlie\u00dflich sollte sich &#8211; laut Aussagen aus der Verwaltungsebene &#8211; der ungl\u00fcckliche Zustand ja auch schon in der n\u00e4chsten Woche \u00e4ndern. Doch durch immer neue Aufsch\u00fcbe wurden aus Tagen Wochen und aus Wochen Monate und so standen wir am Ende mehr als 2 Monate ohne Chefin, vor allem aber ohne Sozialarbeiterin, da!<\/p>\n<p>Nicht, dass wir die Menge an Arbeit nicht h\u00e4tten bew\u00e4ltigen k\u00f6nnen, sondern viel mehr das Fehlen einer Sozialarbeiterin macht das Arbeiten in meinem Projekt fast unm\u00f6glich! Ein Projekt wie das meinige ist sehr stark auf die Arbeit und Kompetenzen einer Sozialarbeiterin ausgelegt und eine Psychologin und noch viel weniger eine Volont\u00e4rin k\u00f6nnen diese in all ihren Aufgaben, Verantwortungsbereichen und vor allem in ihren Rechten(!) vertreten. Vorteilhaft in dieser ungl\u00fccklichen Lage war aber wenigstens die kleine Mitarbeiteranzahl, die zumindestens einfache Absprachen erm\u00f6glichte und ein wohl noch gr\u00f6\u00dferes Chaos verhinderte. Auch Aussagen von Seiten der Chefetage waren wenig hilfreich und kl\u00e4rend und so f\u00fchlten wir uns doch \u00f6fters &#8222;in der Luft h\u00e4ngend&#8220; und unangenehm konfrontiert mit dem Grenzbegriff &#8222;Verantwortung&#8220;.<\/p>\n<p>Hinzu kommt auch noch ein ungl\u00fccklicher Zwischenfall von seiten eines Beneficiarios . Im Rahmen eines Treffen unserer Population stahl uns ein ehemaliger Heimbewohner des Stra\u00dfenjungenheims einen Projektor. Auch nach mehrmaligen Suchaktionen und der verbitterten Feststellung \u00fcber die Falschheit aller pers\u00f6nlichen Angaben (Telefonnummer, Adresse, etc.) ist weder der Projektor noch der junge Herr bis heute aufgetaucht. W\u00e4hrend in solchen Momenten in Deutschland die Versicherung greift, gibt es so etwas hier nicht und auch nach 2 Monaten ist die Schuld- und Finanzierungsfrage noch ungel\u00f6st. Doch neben dem Vertrauensmissbrauch hatte die Situation auch etwas Gutes: Wie ein Aufschrei wurde klar, dass so ganz ohne Chefin und Ordnung das Projekt &#8222;Ex-Beneficiari@s&#8220; wohl doch nicht kann und so erhielten wir nach 2,5 Monaten &#8222;D\u00fcrreperiode&#8220; endlich eine neue Sozialarbeiterin und Chefin: Bienvenida Grisel! Mit Grisel verstehe ich mich wirklich gut und man merkt, wie das Projekt langsam wieder aufgep\u00e4pelt wird. Auch mit den Beneficiarios l\u00e4uft es weiterhin gut. Oft werde ich auch au\u00dferhalb der Arbeit zum Essen, Geburtstagen oder Ausfl\u00fcgen eingeladen. Die Gastfreundschaft der Bolivianer ist wirklich beeindruckend, obwohl sie doch selbst so wenig haben. Am 23. Juni ist au\u00dferdem mein Patenkind Lizeth Vanessa geboren worden. Was ein kleines W\u00fcrmchen! Aber eine Gr\u00f6\u00dfe von 45cm und ein Gewicht von 2kg bei der Geburt ist hier v\u00f6llig normal, wo die Bolivianer bemessen an der K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe f\u00fcr europ\u00e4ische Verh\u00e4ltnisse doch ohnehin eher klein sind (Mit meinen 1,60cm z\u00e4hle ich hier eindeutig zu den gro\u00dfen Frauen!).<\/p>\n<p>Die Eltern von Lizeth Vanessa sind beide ehemalige Stra\u00dfenkinder. Jetzt leben sie schon mehr als 8 Jahre zusammen in einer stabilen Beziehung. Schon alleine das grenzt an ein kleines Wunder, wo doch Beziehungen bei der von uns betreuten Menschen in 90% der F\u00e4llen von Untreue und Instabilit\u00e4t gepr\u00e4gt sind. Die beiden wohnen in einer einfachen Behausung am Rand von El Alto. Gemeinsam leben sie mit ihren 4 Kindern, wobei die \u00e4lteste Tochter unehelich ist. Ein weiteres f\u00fcnftes Kind der Familie ist bereits gestorben. Der Vater verdient als ambulanter S\u00fc\u00dfigkeitenverk\u00e4ufer auf den Stra\u00dfen La Paz&#8216; den Unterhalt der Familie, was kein Leichtes ist. Fr\u00fcher kamen die beiden in einem Heim der Fundacion unter und heute arbeiten sie immer noch zusammen mit unserem Projekt &#8222;Ex-Beneficiari@s&#8220;. In der Vergangenheit gab es oft Probleme mit Alkohol- und Drogenmissbrauch von Seiten des Vaters, aber das hat sich stark zum Besseren ver\u00e4ndert und zumindest momentan ist es diesbez\u00fcglich recht ruhig. Weiterhin erhalten die beiden au\u00dferdem die Unterst\u00fctzung des fundacionsinternen Kindergartens und der Hausaufgabenbetreuung. Wie den Beneficiarios aller Projekte der Fundacion haben sie au\u00dferdem Zugang zu kostenlosen medizinischen Behandlung und einem kosteng\u00fcnstigen Mittagstisch.<\/p>\n<p>Neben der Arbeit im Projekt stand das zweite Halbjahr au\u00dferdem im Zeichen des Reisens. Als Volont\u00e4re haben wir Anspruch auf 21 Urlaubstage. Mit dem Besuch der Eltern meiner Mitvolont\u00e4re wurden diese auch ordentlich ausgenutzt. Nach 7 Monaten Arbeiten war es wirklich sch\u00f6n, auch mal Urlaub zu machen und ein bisschen rum zu kommen. Doch so erlebnissreich das Reisen auch war, stets war es mir eine Freude in meine so vertraute Andenstadt zur\u00fcckzukommen.<\/p>\n<p>Nun wird aber auch dies bald vorbei sein. In ziemlich genau 2 Wochen sitze ich im Flieger zur\u00fcck nach Deutschland. Mein Jahr als Volont\u00e4rin hier in der Fundacion Arco Iris ging wirklich super schnell vorbei und der Abschied f\u00e4llt mir alles andere als leicht. Gibt es doch so viele Menschen die man liebgewonnen hat. Und \u00fcberhaupt ist es schwierig diese Lebensform zur\u00fcckzulassen, die man hier ein Jahr leben durfte. Auf einmal wird alles so wertvoll, die Zeit so knapp und dabei muss doch noch so viel erledigt werden! Auch innerhalb der Volont\u00e4rsgruppe merkt man, dass sich auf allen Seiten ein bisschen Druck, Angst und Trauer ausbereitet. (Bereits gestern haben wir schon unsere zwei mexikanischen Volont\u00e4re verabschiedet, was kein Leichtes und ziemlich emotional war.)<\/p>\n<p>Eigentlich ist es ja nicht einmal so, dass man gar nicht mehr zur\u00fcck nach Deutschland will, nat\u00fcrlich hat man dort Familie und Freunde die auf einen warten. Aber ist es doch viel mehr das Gef\u00fchl hier nicht weg zu wollen. Rein rational betrachtet wei\u00df ich, dass es mehr als gut ist nun zur\u00fcckzukehren. Die Arbeit als Volont\u00e4rin ist ja streng genommen auch nur mit einer Hilfskraft zu vergleichen, gerne w\u00fcrde ich mich spezialisieren, professionel Arbeiten und in meinem pers\u00f6nlichen Werdegang vorankommen. Immer nur auf der Stelle zu treten w\u00e4re wohl auch nicht gut.<br \/>\nAber aus emotionaler Sicht ist dieses Zur\u00fcckkommen so unendlich viel schwerer. So l\u00e4sst man doch ein Jahr seines Lebens hinter sich. Fragen wie &#8222;Habe ich alles gegeben?&#8220;, &#8222;Wann sehen wir uns wieder &#8211; wenn \u00fcberhaupt?&#8220;, &#8222;Wie wird es wohl in Deutschland sein?&#8220; schwieren in meinem Kopf herum.<\/p>\n<p>Und tats\u00e4chlich ist da wirklich etwas Angst vor Deutschland. Vielleicht klingt das \u00fcberspitzt, aber obwohl ich die l\u00e4ngste Zeit meines Lebens in Deutschland verbracht habe, kommen mir schon nach 1 Jahr Aufenthalt in einem anderen Land Kultur und Lebensart ganz fremd vor. Ein Zeichen daf\u00fcr, dass wir Menschen sehr gute Gew\u00f6hnungstiere sind.<\/p>\n<p>Schon jetzt merke ich, wie man sich viel zu sehr an die Armut, Ausnutzung und Korruption gew\u00f6hnt hat. Nat\u00fcrlich ist das gut, um hier und in dem System zu \u00fcberleben, aber man sollte es doch niemals als Normalfall betrachten. Manchmal sehe ich Videos, Bilder oder lese Artikel und sto\u00dfe auf scheinbar selbstverst\u00e4ndliche Dinge, die fr\u00fcher so normal waren und ich hier schon fast vergessen habe.<\/p>\n<p>Im August werden wir 17 Arco Iris Freiwillige ein R\u00fcckkehrerseminar haben, welches \u00fcbrigens auch in den Weltw\u00e4rts-Richtlinien so vorgeschrieben ist. Ich glaube, dass mir und meinen restlichen Mitstreitern dieses sehr gut tun wird. Meistens ist es ja so, dass man Dinge im Nachhinein mit Abstand und der n\u00f6tigen Au\u00dfensicht sehr viel besser bewerten kann. Mein momentanes Abschlussfazit muss ich euch also f\u00fcr den Moment noch vorenthalten; es fehlt noch an Reife und der n\u00f6tigen Au\u00dfensicht. Aber in einem letzten Eintrag &#8211; dann in Deutschland -werde ich euch aufjedenfall davon berichten.<\/p>\n<p>Herzliche Gr\u00fc\u00dfe aus dem winterlichen und kalten La Paz,<\/p>\n<p>Carina<\/p>\n<figure id=\"attachment_789\" aria-describedby=\"caption-attachment-789\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/foerderkreis-arco-iris.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/img_20150704_114059.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-789 size-medium\" src=\"http:\/\/foerderkreis-arco-iris.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/img_20150704_114059-225x300.jpg\" alt=\"IMG_20150704_114059\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/foerderkreis-arco-iris.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/img_20150704_114059-225x300.jpg 225w, http:\/\/foerderkreis-arco-iris.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/img_20150704_114059-768x1024.jpg 768w, http:\/\/foerderkreis-arco-iris.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/img_20150704_114059-143x190.jpg 143w, 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class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/foerderkreis-arco-iris.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/img_20150625_120216.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-792 size-medium\" src=\"http:\/\/foerderkreis-arco-iris.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/img_20150625_120216-300x225.jpg\" alt=\"IMG_20150625_120216\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/foerderkreis-arco-iris.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/img_20150625_120216-300x225.jpg 300w, http:\/\/foerderkreis-arco-iris.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/img_20150625_120216-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/foerderkreis-arco-iris.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/img_20150625_120216-190x143.jpg 190w, http:\/\/foerderkreis-arco-iris.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/img_20150625_120216-60x45.jpg 60w, http:\/\/foerderkreis-arco-iris.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/img_20150625_120216-400x300.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-792\" class=\"wp-caption-text\">Die akutelle Wohnsituation der Familie meines Patenkindes &#8211; 2 Betten f\u00fcr 6 Personen<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_793\" aria-describedby=\"caption-attachment-793\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/foerderkreis-arco-iris.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/img_20150625_120827.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-793 size-medium\" src=\"http:\/\/foerderkreis-arco-iris.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/img_20150625_120827-300x225.jpg\" alt=\"IMG_20150625_120827\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/foerderkreis-arco-iris.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/img_20150625_120827-300x225.jpg 300w, http:\/\/foerderkreis-arco-iris.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/img_20150625_120827-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/foerderkreis-arco-iris.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/img_20150625_120827-190x143.jpg 190w, 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